Patient Fußball – Der tiefe Fall des Hoyerswerdaer Fußballs

Patient Fußball - Der tiefe Fall des Hoyerswerdaer Fußballs

Patient Fußball – Der tiefe Fall des Hoyerswerdaer Fußballs. Innerhalb von 15 Jahren hat sich die Anzahl der Mitglieder in Fußballvereinen halbiert, während die Anzahl der Mitglieder in Sportvereinen insgesamt sogar leicht gestiegen ist.

Der Hoyerswerdaer Fußball ist krank. Allein diese Feststellung würden die meisten Fußballfans der Region unterstreichen. Spielt doch die höchstklassige Männermannschaft in der Bezirksliga. Das ist die siebente Spielklasse im Deutschen Fußball – kommt direkt nach der 1. und 2. Bundesliga, der 3. Liga, der Regionalliga, der Oberliga und der Sachsenliga. Das ist offensichtlich. Doch der tiefe Fall lässt sich an den Mitgliederzahlen der Fußballvereine viel deutlicher ablesen.Was waren das noch für Zeiten, als tausende zu den Spieltagen in das Friedrich-Ludwig-Jahn-Stadion pilgerten, um ihre BSG Aktivist Schwarze Pumpe siegen zu sehen. Pumpe vertrat HoyWoy damals in der DDR-Liga – der zweithöchsten Spielklasse des Landes. Und auch nach der Wende spielte Nachfolger FSV Hoyerswerda auf hohem Niveau – die NOFV-Oberliga war zunächst dritthöchste Spielklasse Deutschlands, später immerhin noch die 4. Liga. Und auch da gab es zeitweise passablen Zuschauerzuspruch. Doch nach der Jahrtausendwende war die (Sponsoren-)Luft raus und es ging stetig bergab. Zwischenzeitlich dümpelt das einstige Zugpferd in der Kreisliga – 9. Liga! Doch da gibt es in der Stadt doch potente Konkurrenz! Durch den Zusammenschluss des Hoyerswerdaer SV 1990, des SV Einheit Hoyerswerda und der Fußballabteilung vom ESV Lokomotive Hoyerswerda mit dem Altstadtverein SV Hoyerswerda 1919 zum Hoyerswerdaer SV 1919 im Jahr 2007 wurde ein nominell schlagkräftiger Konterpart aufgebaut. Zwischenzeitlich spielen die Ex-Altstädter im großen Neustadt-Stadion vor selten mehr als 100 Zuschauern in der Bezirksliga – wie zum Beispiel vor Wochenfrist gegen den traditionsreichen Dresdener Sportclub 1898 vor einer erschreckend schwachen Zuschauerkulisse von gerade einmal 81 Zuschauern. Doch neben den beiden Stadtvereinen spielen noch der SV Zeißig – immerhin in Liga 8 vor ebenfalls selten mehr als 100 Zuschauern – und der SV Glückauf Knappenrode – in diesem Sommer mit dem FSV Knappensee Groß-Särchen zur SpVgg Knappensee fusioniert und gemeinsam mit dem FC Lausitz in Liga 9 auflaufend – für Hoyerswerda. Doch Großer Fußball ist anders. Doch es gibt noch weitere Dinge, an denen man den Abstieg des Fußballs verdeutlichen kann. Denn derzeit wird im Stadtrat der Sportstättenentwicklungsplan beraten und beschlossen. So berichtete die Lokalpresse ausführlich über die geplante Fortschreibung des letzten Sportstättenetwcklungsplanes – ehrlich gesagt wurde nur der alte Plan in den neuen überführt und die damaligen Planungen um Jahre nach hinten verlegt, weil man sie vorher nicht realisieren konnte. Dabei sind auch Statistiken zum Mitgliederstand der Hoyerswerdaer Sportvereine vom Sportbund Lausitzer Seenland veröffentlicht worden. Und die geben einen ersten Blick auf die Probleme:Mitgliederentwicklung für ausgewählte Sportarten von 1998-2012

Doch welche Fußballvereine haben unter dem Mitgliederrückgang besonders zu leiden? Wenig überraschend, sind es vor allem die Stadtvereine:Mitgliederentwicklung der Hoyerswerdaer Fußballvereine von 2007-2012

 Während der FC Lausitz 2007 noch 240 Mitglieder vermeldete, meldeten damals die Vereine Hoyerswerdaer SV Einheit 200 und die SpVgg Hoyerswerda 1919 285 Mitglieder. Bei der letzten Bestandserhebung meldeten die Schwarz-Gelben erschreckende 93 Mitglieder, der Stadt-Konkurrent HSV 1919 vermeldete nur noch 206 406 Mitglieder (Zahl korrigiert, Danke @Berndte). Währenddessen konnte sich der SV Zeißig von 98 auf 128 Mitglieder stärker steigern und verlor SV Glückauf Knappenrode von 111 auf 106 – durch die Fusion im Sommer zur SpVgg Knappensee dürften die Zahlen in den kommenden Jahren da auch anders aussehen. Die beiden Stadtvereine haben also einen massiven Mitgliederschwund zu beklagen. Die Probleme kommen aber nicht mal so eben vom Himmel herab gefallen, sondern sind hausgemacht aber auch teilweise demographisch bedingt. Generell sinkt natürlich die Zahl der Kinder und Jugendlichen in der Stadt, während das Angebot an Freizeitmöglichkeiten weiterhin sehr stark ist. Laut Erhebung des Sportbundes Seenland waren zum Stichtag 31.12.2011 immerhin 2338 Kinder und Jugendlich bis zum Alter von 18 Jahren in Sportvereinen aktiv. Das entspricht fast 60% aller Stadtbewohner in der Altersgruppe bis 18 Jahren und ist ein absoluter Spitzenwert! Doch warum verliert der Fußball mehr Sportler als andere Sportarten? Warum sinkt der Zuschauerzuspruch so sehr? Dafür ist wohl vor Allem „Hausgemachtes“ verantwortlich. Zum Beispiel schafft der größte Fußballverein der Stadt es nicht, attraktive Fußballpaarungen über den Pflichtspielbetrieb hinaus anzubieten. Der ligahöchste Gegner der letzten Jahre spielte in der Oberliga. Doch genau solche Fußball-Events braucht die Sportart, damit die Sportbegeisterten ins Stadion strömen, damit emotionale Bindungen zu den lokalen Fußball-Clubs aufgebaut werden können. Der FC Lausitz Hoyerswerda müht sich auf diesem Feld zwar nach Kräften – doch Testspiele gegen den damaligen Erstigisten TSV 1860 München oder viel zu häufige Spiele gegen den Ligahüpfer FC Energie Cottbus allein, bringen da zu wenig Schwung. Auch internationale Begegnungen hat einzig der FC Lausitz vorzuweisen. Weiterhin versäumt es der HSV 1919 seit vielen Jahren, im Winter ein eigenes Hallenfußballturnier auf die Beine zu stellen. Doch, wer Begeisterung wecken will, wer den Fußballern zeigen möchte, dass größerer Fußball auch in Hoyerswerda möglich ist, der muss eben auch mal anpacken – so wie es die engagierten Nachwuchstrainer seit Jahren tun. Fakt ist, der Hoyerswerdaer Fußball ist tief gefallen. Im Sommer 2005 wähnte sich der damalige Altstadtverein SpVgg 1919 noch auf dem Fußball-Thron – doch ähnlich wie in Hans-Christian Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ hatte dieser König offensichtlich dem fussballhungrigen Volk nichts zu bieten und niemand (oder: wenige) traut sich, dieses Problem im Verein offen anzusprechen. Dem Patienten Fußball geht es nicht gut, das ist kein Grund zur Besorgnis – zumindest nicht für den Großteil der Hoyerswerdaer, denn die gehen ja eh nicht mehr zum Fußball…

 

Offenlegung: Ich war bis zum Juni 2010 in diversen Funktionen – zuletzt als Pressesprecher – beim FC Lausitz Hoyerswerda tätig.

2 Kommentare

  1. Interessanter Artikel.Da ist wohl viel wahres dran.Ist dies ein Schreibfehler: „der Stadt-Konkurrent HSV 1919 vermeldete nur noch 206 Mitglieder“ oder handelt es sich um neue Zahlen, die noch nicht in der Grafik berücksichtigt sind?

    1. Hallo Berndte!
      Danke für Deinen Hinweis. Das ist selbstverständlich ein Schreibfeher. Tatsächlich sind es aktuell (Meldung zum 31.12.2011) 406 Mitglieder, die beim HSV 1919 gemeldet sind – so zeigt es auch die Grafik, die richtig ist.

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